Dienstag, 29. November 2016

Tokio, du kannst so bitter sein...



Is there something higher keeping me alive?
Maybe hope buried deep within is what is
needed to begin again... Now I must believe
in something I cannot see. For now I'm 
on my own. It's my will with all my might
to stay strong, put up a fight. I'm so lost
but not afraid. I've been broken. I'll rise
again. Won't give up. I've come this far.




Ich stampfe auf den Asphalt. Meine Füße sind nass. Die Schuhe kleben am Boden. Der Boden saugt sich an ihnen fest. Oder sie sich an ihm. Tokio will mich nicht loslassen. Und ich Tokio nicht. Regentropfen fallen in mein Gesicht. Schirme überall, nur nicht über meinem Kopf. Die hellen Lichter der Stadt spiegeln sich in den Pfützen auf der Straße. Es ist dunkel. Und doch so grell. Ich bin ratlos. Ziehe einsam durch die Stadt wie ein Fremder auf der Suche nach einem Platz für sich. Den hab ich aber schon. Mitten in der Stadt. In Minato. Am Hafen. In einer kleinen, versteckten Gasse. Oben auf einer schmalen, steilen Treppe, die ein durchschnittlich großer Europäer nur mit ein wenig Anecken hinauf kommt. So ist Minato eben. Zentraler geht es kaum. Japanischer geht es kaum. Und weil alles so japanisch ist, ist es auch mein Schlafplatz. Ein trockenes Dach über dem Kopf. Halbwegs warm. Mit einer einzigen Herdplatte. 10 Quadratmeter. Ich teile sie mir mit einer Japanerin. 10 Quadratmeter für zwei. Japanisch eben. Und es gibt kein Bad. Es gibt überall Bäder. Öffentliche. Weil "no Bathroom" in Tokioer Behausungen noch nicht einmal selten ist. Besonders, wenn sie traditionell japanisch sind. Sauber sind Japaner aber dennoch sehr. Also gibt es allerhand öffentliche Bäder. Und auch ich müsste in so eines. Ist ja ohnehin ein Erlebnis für sich. Ich würde auch in eins. Sogar dreimal die Woche, eben um mich zu duschen. Aber ich bin tätowiert. Ich darf in keines. Was mache ich nun? Bleibe ich einfach im Regen stehen und warte, bis ich bis auf die Knochen nass bin? Lasse ich mich einfach von der Stadt auffangen? Von ihren nassen Straßen, an denen meine Schuhe schmatzend pappen? Gebe ich auf? Nein. Nein, ich gebe nicht auf. Ich lasse mich nicht auf die Melancholie der nassen Straße ein. Ich gehe auf die bunten Lichter zu. Trete in eine helle, trockene, warme Bahn. Zwischen hübsche Japanerinnen und schlafende Japaner. Ich ziehe meines Weges. Und google in meinem noch-Zuhause nach öffentlichen Bädern, in denen Tattoos erlaubt sind. Im Zweifelsfall gehört das Bad der Yakuza. Auch ok, Hauptsache duschen. Und das nicht im Regen.


Samstag, 12. November 2016

Such a klutz!



Go ahead, get offended by this.




Japan ist eine andere Welt. Selten laufen die Dinge hier so wie im gewohnten Alltagstrott in Deutschland. Die Fettnäpfchen, in die der gemeine Europäer treten wird, sind zahlreich gesät und sorgen teilweise für Gelächter, Verachtung oder auch tollpatschiges ins-Gespräch-kommen. Sie zu vermeiden ist praktisch unmöglich, da es für uns vollkommen normale Verhaltensweisen sind. Selten liest man davon, dass das, was man gerade tut, nicht ok ist. Noch seltener wird man darauf hingewiesen. Japaner sind generell sehr höfliche Menschen, die lieber alles, was sie gerne sagen wollen würden, runterschlucken und nach außen hin lächeln. Die teilweise sehr aufgesetzte Freundlichkeit und das geheuchelte Interesse und Verständnis muss man durchaus mögen. Seine Fehler bessert man so zudem nur langsam und schwer aus - denn wenn einem keiner sagt, was man gerade falsch macht, kann man es ja auch nicht unterlassen. Aber gut, lieber starren Japaner einen entgeistert an, anstatt kurz mal auf einen Fauxpas hinzuweisen... Wenn die das schon nicht tun, erledige ich das jetzt. Und bewahre euch somit hoffentlich vor dem einen oder anderen Fehltritt, wenn ihr mal nach 日本 reisen solltet.

1. Unterwegs essen/snacken

Essen hat einen sehr hohen Stellenwert in Japan. Es soll geschätzt und genossen werden. Daher ist es verpönt, sich unterwegs im Stehen oder gar beim Gehen nur schnell mal was zwischen die Zähne zu schieben. Ausgenommen sind davon höchstens Lollis, ein Stückchen Schokolade und Eiscreme. Aber das, was für uns so selbstverständlich ist - nämlich schnell mal in der Stadt 'nen Döner kaufen und ihn auf dem Weg zum Bus verputzen - ist hier ungern gesehen. Richtig penetrant werden die starrenden Blicke, packt man in der S-Bahn sein belegtes Brötchen aus. Angenehm ist der Essensvorgang dann auch wirklich nicht mehr.

2. Eine Wohnung mit Schuhen betreten

In Japan ist (vermutlich) jede Wohnung mit Teppich ausgelegt. Der Eingangsbereich direkt an der Tür ist meist mit einem wasser- und wetterbeständigen Material verlegt. Sobald aber der Wohnbereich losgeht, ist der Boden mit Teppich bezogen. Und auf den darf auf gar keinen Fall mit Straßenschuhen getreten werden! Tut man es doch, wird man sofort panisch darauf hingewiesen, davon runterzugehen. Panisch und für Japaner untypisch laut. Nein, sie meinen es nicht böse oder sind sauer, sie sind einfach nur geschockt. Aber einem Gaijin (Ausländer) verzeihen sie es.

3. Die Sauce über die Nudeln gießen

Wohingegen bei uns in Deutschland eine Sauciere in die Hand genommen und ihr Inhalt über das Essen gegossen wird, werden in Japan Nudeln - praktisch wie alles andere, was man mit Sauce bedeckt haben will - mit den Stäbchen gegriffen und in ein Saucenschälchen gedippt. Das Saucenschälchen darf gerne in die Hand genommen, nahe des Munds gehalten und die langen Nudeln hörbar in den Mund geschlürft werden (etwas, das bei uns ja durchaus als nervig, unappetitlich und unmanierlich gilt). Nimmt man seine Sauce und gießt sie über das Essen, bleibt man vor leichtem Gelächter nicht verschont. 

4. Zum Zahlen auf den Kellner warten

Wenn wir schon beim Essen sind: Wer nach dem Verzehr des wirklich leckeren Essens darauf wartet, dass der Kellner sich irgendwann mal wieder blicken lässt um abkassieren zu können, kann lange warten. In Japan wird an einer zentralen Kasse am Eingang/Ausgang des Restaurants gezahlt. Einen Kellner per Handzeichen an den Tisch zu bitten, ist hier eine unhöfliche Geste.

5. Trinkgeld geben

Ihr geht nun also zur Kasse, sagt brav "Gotchisousamadeshita!" (sagt man eben so; quasi "War lecker, danke für das tolle Essen!") und bezahlt. Kommt nun ja nicht darauf, dem Kellner Trinkgeld geben zu wollen! Das wird in Japan eher als Beleidigung denn als Nettigkeit empfunden. Es ist wohl so ähnlich wie Almosen vergeben - für ein derart stolzes Volk wie die Japaner eine niedere Aktion.

6. In der Öffentlichkeit ein Taschentuch benutzen

Japaner scheinen eine gewisse Abneigung gegen Papiertaschentücher, oder auch solche aus Stoff, zu besitzen - generell wohl einfach gegen Taschentücher. Haben sie eine triefende Nase, ziehen sie ihren Rotz lieber hörbar und immmmmmmmmer wieder nach oben. Ja, anstatt den Mist einfach mal rauszurotzen, tut man sich lieber permanentes Rotzeln an. Etwas, das wir als nervig und unappetitlich anerkennen. In Japan dagegen wird es als unhöflich angesehen, ein Taschentuch zu benutzen. Wenn ihr aber dort seid und die Nase läuft - schnäuzt einfach! Ihr seid Gaijin, ihr dürft das. Punkt.

7. In öffentlichen Verkehrsmitteln Gespräche führen

Obwohl die Bahnen und Züge in Japan zu Stoßzeiten so übervoll sind, dass die negative Erotik des erzwungenen Körperkontakts wirklich unvermeidbar ist, könnte man eine Stecknadel auf den Boden fallen hören. Kaum jemand unterhält sich - und wenn, dann nur im Flüsterton. Schilder weisen sogar ausdrücklich (auf Japanisch, Chinesisch, Koreanisch und Englisch) darauf hin, während der Fahrt keine Telefonate oder Gespräche zu führen, um sein Umfeld nicht zu stören. Tut man es doch, starren Japaner wieder einmal pikiert, sagen aber keinen Ton.

8. Gefühle zeigen

Japaner haben eine für mich sehr befremdliche Einstellung zu Emotionen. Sie sollen erfühlt werden können. Das Gegenüber hat hellseherisch zu wissen, wie ich mich fühle. Meine Emotionen offen zeigen oder aussprechen darf ich aber nicht. Das gilt als unfein und verstößt gegen die Regeln der Sittsamkeit. Jetzt wird euch vielleicht auch klar, warum Manga- und Anime-Figuren immer so übergroße Augen haben. Die Augen sind für Japaner nämlich der Spiegel zum Seelenleben, hier könnten sich Emotionen erfühlen lassen. Daher wird Verwunderung, Trauer oder Freude in Manga oder Anime immer mit aufgerissenen, betrübten oder wohlig erscheinenden Augen ausgedrückt.

9. An bestimmten Orten Fotos machen

Praktisch an allen fotografierenswerten Orten darf nicht fotografiert werden. Damit meine ich vor allem Geschäfte, die einzigartig sind - oder zumindest auf Japan beschränkt. Mal eben die Atmosphäre in einem Manga-Buchladen einfangen? Ungern gesehen. Eine reine Mädchen-Mall in Shibuya, overloaded mit Pink und Glitzer, mal festhalten? Nee, is nich. Japaner neigen ja bei Deutschlandbesuchen dazu, jeden Müll zu fotografieren. Aber in ihrem Land hat man das bitte zu unterlassen. Das ist Gleichberechtigung - not.

10. Ehrlich sein

Ich sprach es bereits an: gewisse Charakterzüge an Japanern muss man wirklich mögen. Oder man bleibt einfach dabei, sie scheiße zu finden. Die Sittsamkeit der Japaner untersagt neben dem Zeigen der Gefühle auch die Kundgebung seiner ehrlichen Meinung. Das Wort "いいえ" (iie; "nein") nehmen Japaner grundsätzlich ungern in den Mund. Sie sind generell extreme Ja-Sager. Hintenrum können sie dann vorzüglich lästern, aber auf gar keinen Fall darf der anderen Partei mal die Wahrheit gesagt werden. Dein Kumpel hat sich grad 'nen Fauxpas erlaubt? Nicken und lächeln. Du bist anderer Meinung als deine beste Freundin? Bloß nicht sagen! Sie ist sonst zutiefst verletzt und wird schnippisch. Direktheit und Ehrlichkeit wird hier alles andere als geschätzt. Der Durchschnittsdeutsche mit seinem eher direkten Naturell, der nicht auf Süßholzgeraspel steht, wird das Ganze teilweise sehr lächerlich finden. Und ja, es ist nun mal einfach verlogen. Aber wie sagt man? Andere Länder, andere Sitten. Also einfach selber immer schön nicken, lächeln und "Arschloch" nur denken.


Dienstag, 8. November 2016

Tokio - Ankommen zwischen 18 Millionen Menschen.








Long ago inside a distant memory
there is a voice that says: Do you
believe in a word of happy endings?



Es schien lange Zeit so surreal und distanziert. Und doch bin ich ganz plötzlich tatsächlich hier. In Tokio. Lebe in einer Millionenmetropole, die so over-the-top ist, wie keine europäische oder amerikanische Stadt es je sein könnte. So viele Menschen, wie sich hier durch die U-Bahnen drängen, habe ich noch nie gesehen. Shinjuku gleicht einem Ameisenhaufen - zur Rush Hour ist es fast unmöglich voranzukommen. Der Bahnhof mit dem größten Verkehrsaufkommen der Welt fordert viel Stressresistenz und Durchhaltevermögen. Wer hier zaghaft ist, wird sich gegen die Massen nicht durchsetzen können. Und wer meint, hier aus der Masse zu stechen, muss schon sehr anders sein.
Meine Anreise war holprig. Sie glich einer Straße mit vielen Kurven, steilen Klippen an der Seite und unbefestigten Rändern. Einerseits wurde mir viel Hilfe und Nettigkeit zuteil, andererseits schienen Beton, Maschinen und Eisen gegen mich zu arbeiten. Und manche Menschen auch. Vor mir erhob sich der Wald aus Zivilisation, aus Stahl und Glas. Ich durchkreuzte ihn, teilte ihn in Zwei wie Moses das Rote Meer. Mensch gegen Natur, Technik über Holz und Gras, Humanorganisches gegen Maschinen. Alles lebt hier miteinander, was so unvereinbar scheint. Einerseits helfen mir wildfremde Menschen mein Gepäck zu S-Bahn-Gleisen zu tragen, zu denen sie eigentlich gar nicht hinmüssen. Ältere Menschen erklären mir den Weg, obwohl ich nicht nach ihm frage und ihn weiß. Sie sind interessiert an dem Gaijin (Ausländer) mit der hellen Haut und den großen Augen - wenn sie nicht gerade Pokémon Go spielen oder in dezent fortgeschrittenem Alter Teeniemädchen-Manga lesen. Andererseits bleibt der Platz neben mit im Zug gerne leer, obwohl die stärkste Überfüllung herrscht. Gaijin-Gene könnten ja krankheitsbefallen oder giftig sein. Ambivalenz, wo man auch hinsieht. Die Eindrücke prasseln auf mich ein. Zu tausenden. Wo meine Augen hinsehen sollen, wissen sie nicht mehr. Welche Melodie meine Ohren hören sollen, können sie nicht mehr entscheiden. Wen ich wahrnehme, kann ich nicht mehr kontrollieren. Alles ist zu viel. Und doch nicht genug. Ich bin hier. Ich bin jetzt. In der Realität. Ich bin einer von Millionen. Und doch bin ich keiner von vielen.

PS: Spiegelreflex kaputt, Fotos leider nur per iPhone 5s.

Dienstag, 25. Oktober 2016

We're all suffering the same hell, just different devils.



A one-way-ticket to reality, destination unknown.
A death trip to infinity or a journey back home.
Is this really happening or only in my head?
Free fall in slow motion. Maybe we're already 
dead. Should we drift apart? Or swim against the
tide? Just one simple choice to make: 
What is wrong and what is right?




Ich habe keine Kraft mehr. Keine Kraft mehr für die ganzen Aufgaben, die noch vor mir liegen. Keine Kraft mehr für die Arbeit, die sich bei mir angehäuft hat. Keine Kraft mehr, die ganzen Enttäuschungen zu verkraften. Und ich habe Angst. Angst vor ausstehenden Antworten. Angst vor Absagen. Angst vor Schulden. Angst vor Versagen. Angst davor, den falschen Weg zu gehen. Angst davor, die notwendigen Lügen zu gestehen, weil ich mich so tief in sie verstrickt habe, dass ich aus diesem Netz nicht mehr herausfinde. Eigentlich hängt ja alles nur von Dollarzeichen ab. Ohne die im Nacken ginge es mir gut. Ohne die wären meine Aussichten rosig. Dann hätte ich auch keine Angst. Dann wär' das Versagen auch nur halb so schlimm. Generell ist alles halb so schlimm. Irgendeine Lösung findet sich immer. Das rede ich mir jetzt seit Wochen ein. Ich hab ja immerhin Skill. Ich hab 'n guten Lebenslauf und Erfahrung und überhaupt 'nen hohen Bildungsgrad, 'n Uniabschluss und geile Arbeitszeugnisse. Nützt mir aber alles nix, wenn ich keine Antworten bekomm. Ja, die Antworten fehlen mir. Antworten auf die vielen Fragen, mit denen mich mein Umfeld quält. Antworten auf die Fragen, die ich mir selbst jeden Tag stelle, die mich wach halten und meine Ängste auslösen. Antworten auf Fragen, die ich Anderen stelle, weil ich so genau weiß, dass ich die perfekte Besetzung für das wäre, was gesucht wird. Aber ich bekomme keine Antworten. Also kann ich auch keine Antworten liefern. Da bleibt einfach ein Nichts. Ein luftleerer Raum, in dem ich ersticke. Ein Vakuum an Wissen. So dunkel, dass ich nichts darin sehe. So dunkel, dass ich zittern muss, obwohl ich den Horror, den Thrill doch sonst so gerne mag. Was soll ich jetzt also machen? Wohl das, was ich immer mache. Ich beiße die Zähne zusammen und versuche mein Bestes. Und wenn ich scheiter', wartet immer noch die gute Flasche Whiskey auf mich.