Samstag, 12. November 2016

Such a klutz!



Go ahead, get offended by this.




Japan ist eine andere Welt. Selten laufen die Dinge hier so wie im gewohnten Alltagstrott in Deutschland. Die Fettnäpfchen, in die der gemeine Europäer treten wird, sind zahlreich gesät und sorgen teilweise für Gelächter, Verachtung oder auch tollpatschiges ins-Gespräch-kommen. Sie zu vermeiden ist praktisch unmöglich, da es für uns vollkommen normale Verhaltensweisen sind. Selten liest man davon, dass das, was man gerade tut, nicht ok ist. Noch seltener wird man darauf hingewiesen. Japaner sind generell sehr höfliche Menschen, die lieber alles, was sie gerne sagen wollen würden, runterschlucken und nach außen hin lächeln. Die teilweise sehr aufgesetzte Freundlichkeit und das geheuchelte Interesse und Verständnis muss man durchaus mögen. Seine Fehler bessert man so zudem nur langsam und schwer aus - denn wenn einem keiner sagt, was man gerade falsch macht, kann man es ja auch nicht unterlassen. Aber gut, lieber starren Japaner einen entgeistert an, anstatt kurz mal auf einen Fauxpas hinzuweisen... Wenn die das schon nicht tun, erledige ich das jetzt. Und bewahre euch somit hoffentlich vor dem einen oder anderen Fehltritt, wenn ihr mal nach 日本 reisen solltet.

1. Unterwegs essen/snacken

Essen hat einen sehr hohen Stellenwert in Japan. Es soll geschätzt und genossen werden. Daher ist es verpönt, sich unterwegs im Stehen oder gar beim Gehen nur schnell mal was zwischen die Zähne zu schieben. Ausgenommen sind davon höchstens Lollis, ein Stückchen Schokolade und Eiscreme. Aber das, was für uns so selbstverständlich ist - nämlich schnell mal in der Stadt 'nen Döner kaufen und ihn auf dem Weg zum Bus verputzen - ist hier ungern gesehen. Richtig penetrant werden die starrenden Blicke, packt man in der S-Bahn sein belegtes Brötchen aus. Angenehm ist der Essensvorgang dann auch wirklich nicht mehr.

2. Eine Wohnung mit Schuhen betreten

In Japan ist (vermutlich) jede Wohnung mit Teppich ausgelegt. Der Eingangsbereich direkt an der Tür ist meist mit einem wasser- und wetterbeständigen Material verlegt. Sobald aber der Wohnbereich losgeht, ist der Boden mit Teppich bezogen. Und auf den darf auf gar keinen Fall mit Straßenschuhen getreten werden! Tut man es doch, wird man sofort panisch darauf hingewiesen, davon runterzugehen. Panisch und für Japaner untypisch laut. Nein, sie meinen es nicht böse oder sind sauer, sie sind einfach nur geschockt. Aber einem Gaijin (Ausländer) verzeihen sie es.

3. Die Sauce über die Nudeln gießen

Wohingegen bei uns in Deutschland eine Sauciere in die Hand genommen und ihr Inhalt über das Essen gegossen wird, werden in Japan Nudeln - praktisch wie alles andere, was man mit Sauce bedeckt haben will - mit den Stäbchen gegriffen und in ein Saucenschälchen gedippt. Das Saucenschälchen darf gerne in die Hand genommen, nahe des Munds gehalten und die langen Nudeln hörbar in den Mund geschlürft werden (etwas, das bei uns ja durchaus als nervig, unappetitlich und unmanierlich gilt). Nimmt man seine Sauce und gießt sie über das Essen, bleibt man vor leichtem Gelächter nicht verschont. 

4. Zum Zahlen auf den Kellner warten

Wenn wir schon beim Essen sind: Wer nach dem Verzehr des wirklich leckeren Essens darauf wartet, dass der Kellner sich irgendwann mal wieder blicken lässt um abkassieren zu können, kann lange warten. In Japan wird an einer zentralen Kasse am Eingang/Ausgang des Restaurants gezahlt. Einen Kellner per Handzeichen an den Tisch zu bitten, ist hier eine unhöfliche Geste.

5. Trinkgeld geben

Ihr geht nun also zur Kasse, sagt brav "Gotchisousamadeshita!" (sagt man eben so; quasi "War lecker, danke für das tolle Essen!") und bezahlt. Kommt nun ja nicht darauf, dem Kellner Trinkgeld geben zu wollen! Das wird in Japan eher als Beleidigung denn als Nettigkeit empfunden. Es ist wohl so ähnlich wie Almosen vergeben - für ein derart stolzes Volk wie die Japaner eine niedere Aktion.

6. In der Öffentlichkeit ein Taschentuch benutzen

Japaner scheinen eine gewisse Abneigung gegen Papiertaschentücher, oder auch solche aus Stoff, zu besitzen - generell wohl einfach gegen Taschentücher. Haben sie eine triefende Nase, ziehen sie ihren Rotz lieber hörbar und immmmmmmmmer wieder nach oben. Ja, anstatt den Mist einfach mal rauszurotzen, tut man sich lieber permanentes Rotzeln an. Etwas, das wir als nervig und unappetitlich anerkennen. In Japan dagegen wird es als unhöflich angesehen, ein Taschentuch zu benutzen. Wenn ihr aber dort seid und die Nase läuft - schnäuzt einfach! Ihr seid Gaijin, ihr dürft das. Punkt.

7. In öffentlichen Verkehrsmitteln Gespräche führen

Obwohl die Bahnen und Züge in Japan zu Stoßzeiten so übervoll sind, dass die negative Erotik des erzwungenen Körperkontakts wirklich unvermeidbar ist, könnte man eine Stecknadel auf den Boden fallen hören. Kaum jemand unterhält sich - und wenn, dann nur im Flüsterton. Schilder weisen sogar ausdrücklich (auf Japanisch, Chinesisch, Koreanisch und Englisch) darauf hin, während der Fahrt keine Telefonate oder Gespräche zu führen, um sein Umfeld nicht zu stören. Tut man es doch, starren Japaner wieder einmal pikiert, sagen aber keinen Ton.

8. Gefühle zeigen

Japaner haben eine für mich sehr befremdliche Einstellung zu Emotionen. Sie sollen erfühlt werden können. Das Gegenüber hat hellseherisch zu wissen, wie ich mich fühle. Meine Emotionen offen zeigen oder aussprechen darf ich aber nicht. Das gilt als unfein und verstößt gegen die Regeln der Sittsamkeit. Jetzt wird euch vielleicht auch klar, warum Manga- und Anime-Figuren immer so übergroße Augen haben. Die Augen sind für Japaner nämlich der Spiegel zum Seelenleben, hier könnten sich Emotionen erfühlen lassen. Daher wird Verwunderung, Trauer oder Freude in Manga oder Anime immer mit aufgerissenen, betrübten oder wohlig erscheinenden Augen ausgedrückt.

9. An bestimmten Orten Fotos machen

Praktisch an allen fotografierenswerten Orten darf nicht fotografiert werden. Damit meine ich vor allem Geschäfte, die einzigartig sind - oder zumindest auf Japan beschränkt. Mal eben die Atmosphäre in einem Manga-Buchladen einfangen? Ungern gesehen. Eine reine Mädchen-Mall in Shibuya, overloaded mit Pink und Glitzer, mal festhalten? Nee, is nich. Japaner neigen ja bei Deutschlandbesuchen dazu, jeden Müll zu fotografieren. Aber in ihrem Land hat man das bitte zu unterlassen. Das ist Gleichberechtigung - not.

10. Ehrlich sein

Ich sprach es bereits an: gewisse Charakterzüge an Japanern muss man wirklich mögen. Oder man bleibt einfach dabei, sie scheiße zu finden. Die Sittsamkeit der Japaner untersagt neben dem Zeigen der Gefühle auch die Kundgebung seiner ehrlichen Meinung. Das Wort "いいえ" (iie; "nein") nehmen Japaner grundsätzlich ungern in den Mund. Sie sind generell extreme Ja-Sager. Hintenrum können sie dann vorzüglich lästern, aber auf gar keinen Fall darf der anderen Partei mal die Wahrheit gesagt werden. Dein Kumpel hat sich grad 'nen Fauxpas erlaubt? Nicken und lächeln. Du bist anderer Meinung als deine beste Freundin? Bloß nicht sagen! Sie ist sonst zutiefst verletzt und wird schnippisch. Direktheit und Ehrlichkeit wird hier alles andere als geschätzt. Der Durchschnittsdeutsche mit seinem eher direkten Naturell, der nicht auf Süßholzgeraspel steht, wird das Ganze teilweise sehr lächerlich finden. Und ja, es ist nun mal einfach verlogen. Aber wie sagt man? Andere Länder, andere Sitten. Also einfach selber immer schön nicken, lächeln und "Arschloch" nur denken.


Kommentare:

Johanna hat gesagt…

Die ersten beiden Sachen finde ich gar nicht so ungewöhnlich. Ich finde es in der Bahn echt eklig wenn das ganze Abteil nach Burgerking oder Döner riecht. Auch die Wohnung mit Schuhen betreten, dass macht man in Deutschland auch nicht, außer vielleicht man ist ein Handwerker.
Sitten sind eben überall anders, auch in Deutschland ist Ehrlichkeit nicht immer gern gesehen. Hier wird ebenso hinter dem Rücken gelästert, Ehrlichkeit braucht mut. Den hat eben nicht jeder.

Genya hat gesagt…

Ich finde es ja immer wieder faszinierend, wie andere Kulturen so sind! Das was für uns so selbstverständlich ist (im Gehen zu Essen), ist woanders ein absolutes No-Go. Es ist bestimmt zwar etwas Kulturschock, aber erst sowas macht das Reisen doch interesant oder ?

Nicole Minnie hat gesagt…

Huhu...

Obwohl ich Japan sehr interessant als Land finde, wäre es kein Land in das ich Fliegen würde. Da gibt es für mich einfach viel zu viel, was ich gar nicht einhalten würde. Gerade das mit den Taschentücher, ist für mich absolut ein no-Go. Aber jedes Land hat halt seine Sitten. Ein interessante Bericht von dir ;) Danke dir.

Alles liebe

May M. hat gesagt…

Der Beitrag ist wirklich super interessant!
Dieses ins Gesicht lächeln aber hinter deinem Rücken die Augen rollen, kann ich gar nicht ab. Die Mentalität ist echt... gewöhnungsbedürftig.

Und auch das Taschentuch nicht zu benutzen. Ih! Hier wird es ja eher so gesehen, dass Nase hochziehen eklig ist.

Den Punkt mit an öffentlichen Orten Fotos machen, finde ich auch höchst paradox. Ich würds trotzdem tun :D

Allerdings ist es schon schön zu sehen, dass sie eine andere Essenskultur haben. Schnell herunter zu würgen und sich dabei überhaupt keine Zeit zu lassen ist echt ätzend. Es sollte auch hier sich wieder mehr Zeit dafür genommen werden :)

Alles Liebe, May von Mayanamo